Wohin zieht ...?

Blick nach Westen ...

 und nach Osten auf das (verhüllte) Brandenburger Tor. Silvester wirds anders sein, aber auch passen.

der anachronistische Zug

 

oder

 

Wem gehört das nächste Jahrhundert?

Die Veröffentlichung des Kongresses, Herausgeber: der Rektor, Redaktion wissenschaftliche Publikationen der Humboldt-Univrsität zu Berlin und Arbeitssekretariat Anachronistischer Zug:

Ersteres war der Titel eines internationalen Kongresses, der am 18. und 19. Januar 1992 in der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand. Vertreten waren (in der Reihenfolge der Sitzungen des Kongresses): Jugoslawien, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Russische Föderation, Österreich,  Belgien, Niederlande, England, Frankreich, Italien, Israel.  Im Ratschlag, auf den man sich einigte, hieß es: “Wir sind ... nach Berlin gekommen ... um darüber zu sprechen, wohin der Anachronistische Zug ziehen soll, nachdem er im Jahre 1990 bis nach Berlin gekommen ist. Das Gedicht von Bertolt Brecht ist auf seltsame Weise aktuell. Noch nie wurde in den letzten Jahrzehnten so laut nach Freiheit und Demorcacy gerufen wie jetzt. Und wie in dem Gedicht von Bertolt Brecht stellt sich die Frage: Freiheit für wen und für was. Für unsere Länder wäre die Zusammenarbeit mit einem demokratischen, weltoffenen Deutschland willkommen. Hingegen sehen wir mit Besorgnis Kräfte am Werk, die ausgehend von Größe und wirtschaftlicher Macht des vereinigten Deutschlands, die führende Rolle auf unserem Kontinent beanspruchen. ... Natürlich ist es Sache der Deutschen, daß der Anachronistische Zug solange kreuz und quer durch ihr Land zieht, von Grenze zu Grenze, bis aus einem der benachbarten Länder nach ihm gerufen wird ...”

Bislang ist aus keinem dieser Länder so sehr nach dem Anachronistischen Zug gerufen worden, daß er dorthin aufgebrochen worden wäre. (Dafür sind deutsche Soldaten wieder nach Jugoslawien eingebrochen und dort sowie in Polen in Divisionsstärke stationiert.) Und es bleibt ungewiß, ob und wann der Anachronistische Zug als Warnung gerufen werden wird.

Sicher ist dagegen, daß der Anachronistische Zug im weitesten Sinne des Wortes in etwas unterwegs ist, das größer als jedes einzelne Land ist: ins nächste Jahrhundert, ins erste des dritten Jahrtausends.

Das in diesen Wochen zu Ende gehende Jahrhundert gehörte “unter dem Strich” dem Proletariat. Nicht nur durch die großen Revolutionen. Sondern: “... Hitlers Deutschland wurde und konnte im wesentlichen nur durch die Rote Armee besiegt werden. In vielerlei Hinsicht war diese Periode der kapitalistisch-kommunistischen Allianz gegen den Faschismus der Dreh- und Angelpunkt und das entscheidende Moment in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.” (So der britische Historiker Hobsbawn.) Aber im letzten Viertel ließ sich dieses Jahrhundert dem Proletariat

wieder entreißen, so daß summa summarum um so deutlicher die Frage steht: Wem wird das nächste gehören?

von links nach rechts: Mira Erzeg (Jugoslwaien), Marusa Krese (Jugoslawien) Eveline Goodman-Thau (Israel, Vorsitzende der 1.Sitzung), Marcel Zachoval (Tchechoslowakei), Andrej Mitorovic (Jugoslawien)

Wem das nächste Jahrhundert nicht gehören sollte, lehrt nicht zuletzt der “Anachronistische Zug”. Nicht etwa nur durch seine Gestalten. Sondern “Freiheit und Democray” und die ganze bürgerliche Demokratie, so fortschrittlich sie einst war und so sehr sie gegen die Faschisten verteidigt werden muß, sind in unserem Jahrhundert zum Anachronismus geworden. Mit “Freiheit und Democracy” konnte nicht nur die völlige Zerschlagung des Nazismus in Deutschland nach 1945 verhindert werden. Sondern mit “Freiheit und Democray” ließen sich im letzten Viertel dieses Jahrhunderts zunächst mal auch die Fortschritte liquidieren, die die Menschheit in Form sozialistischer Staaten, einschließlich des “anderen Deutschlands” DDR, gemacht hatte.

Vor allem also wegen der Frage, wem und was das kommende Jahrhundert gehören wird, wäre es angebracht, daß gesehen werden kann, wie der Anachronistische Zug die Grenze zum nächsten Jahrhundert überschreitet ...

TSB, 16. November 2000

Engstens verschwägert mit “Freiheit und Democracy” kam 1990 und schon davor und danach noch etwas anderes, Grundlegendes in die DDR und nicht nur dorthin: Geld, von dessen Macht Karl Marx in einem hier abgedruckten Text spricht und die Oper “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” handelt, deren Finale zusammen mit den Parolen und Fahrzeugen des Anachronistischen Zugs am 31.12.2000 auf den Straßen Berlins sein soll ...

Und noch etwas: „Der Anachronistische Zug“ hat die postfaschistische Zeit zum Thema (also die Zeit nach dem „tausendjährigen Reich“, das zwar nur 12 Jahre dauerte, aber soviel anzurichten strebte, wie es andere nicht einmal in tausend Jahren vermöchten). “Mahagonny“ hat die präfaschistische Zeit zum Thema (also die Zeit davor). Und auch darum gehört beides so sehr zusammen und ist in dieser Kombination so aktuell.

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